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Spirituelles Bypassing: Die Königsklasse der Vermeidung


Das Thema der Spiritualität hat sich in den letzten Jahren sehr entwickelt. Zumindest in meinem Umfeld. Sei es erstmal der Bubble der Persönlichkeitsentwicklung geschuldet. In sozialen Medien finde ich oft in der spirituellen Szene Sätze wie: „Du musst das positiv sehen!“, „Good vibes only!“, „Wenn es Dich belastet, dann musst Du an Deiner spirituellen Praxis arbeiten.“, „Tue nur dass, was Dir Spaß macht!“ und viele, viele mehr. Es ist beliebig geworden. Und damit auch eine sehr schöne Möglichkeit einer Art Eskapismus zu frönen, die am Thema Entwicklung vorbei geht und die Umschiffung des eigentlichen Wachstums effizient einleitet.


Wenn ich Schwierigkeiten habe, Situationen emotional zu meistern, dann werde ich Meister im Schach! Da brauche ich einen kühlen Kopf und darf mich nicht mit Emotionen auseinandersetzen. Ich besuche einen Workshop, der mir Tools liefert, wie ich palliativ Herr meiner Emotionen werde! Die Auseinandersetzung mit tiefgehenden Themen lässt sich jedoch nicht durch das Pflaster eines 3-wöchigen Programms beheben. Denn dieses Pflaster wird irgendwann wieder abgerissen. Und die Themen stehen dann wieder vor Deiner Tür und hauen Dir zur Begrüßung erstmal in die Fresse.

Gehetzt von Workshop zu Workshop und Seminar zu Seminar locken Versprechen wie „Die 12 Schritte zur inneren Ruhe“, „Löse alle Herausforderungen durch richtige Kommunikationstechniken“ oder „Finde Deinen Lebenssinn durch Origamifalten“. Oder ich gehe in die nächste Kneipe und zimmere mir einen hinter den Dachbalken, mache mir einen schönen Abend und verabschiede meine schlechten Gedanken. Das kann auch spirituelle Ansätze innehaben. Die Ablenkung von den eigentlichen Themen macht es: die Umgehung, oder das Bypassing. Es löst jedoch erstmal nur ein Problem: wie komme ich kurzfristig wieder in ein Wohlgefühl. Der Weg, um negative Gedanken hinter sich zu lassen oder andere Probleme zu bewältigen, beginnt oft mit der Lektüre von Ratgebern oder Onlinetipps. Sie bieten Ansätze oder konkrete Anleitungen zur Selbsthilfe. Diese können – zumindest für eine gewisse Zeit – tatsächlich funktionieren.


Allerdings ist es zunächst ein Abwehrmechanismus der Psyche, ausgelegt darauf Überzeugungen spiritueller Natur über eigene Emotionen, psychologische Bedürfnisse und Erfahrungen zu stellen, um selbige zu umgehen. Ja, den Satz muss man zweimal lesen.

Wer den Weg der Persönlichkeitsentwicklung einschlägt wird zwangsläufig auch mit Spiritualität konfrontiert. Ist eigentlich eine coole Sache, denn Menschen, die glauben können oder spirituell sind, tatsächlich kurz- bis mittelfristig besser durch schwere Zeiten kommen. Spiritualität kann unterstützend einen Halt bieten, wenn man mal an einen Punkt kommt, an dem es vielleicht erstmal aussichtlos erscheint. Und da liegt auch die Verlockung des spirituellen Bypassing: die Auseinandersetzung mit ungesunden Mustern und konstruktiver Kritik an und zu sich selbst, begleitet mit ehrlicher Reflexion ist nicht unbedingt ein Tag im Streichelzoo. Spiritualität hingegen scheint manchmal eine Regenbogenbrücke über den tiefen Abgrund unserer ungewünschten Seiten zu sein. Und unser Hirn schreit: „Geil! Eine einfache Lösung!“


Doch einfach ist nicht immer effizient. So kannst Du Dir die Frage stellen: Funktioniert das für Dich insoweit, dass Du Deinen Zielen ein Stück näherkommst? Spirituelles Bypassing kann so weit gehen, dass Du Dich von Deinem sozialen Umfeld abspaltest und versunken in spirituellen Praktiken in Sphären abdriftest, die wenig, bis nichts mit der Realität zu tun haben in der sich die meisten anderen Menschen bewegen.

Häufig bringt spirituelles Bypassing ein Übermaß an Positivismus mit sich, dass alle Dinge im Umfeld als durchweg wunderbar deklariert: Trauma ist großartig, weil man dadurch wächst. Alles ist gut, weil das Universum es so für einen vorgesehen hat. Was aber auf der Strecke bleibt, ist die direkte Auseinandersetzung mit dem Umgang der Emotionen. Teils kann man aus verschiedenen theoretischen Modellen ableiten, was man denkt, worum es geht. Man fühlt es jedoch nicht. Und man lernt nicht damit umzugehen.


Die Abgrenzung des eigenen Ichs entfällt, da man ein Teil des Ganzen ist und eine Wertung und Bewertung der Situation gegen die spirituellen Lehren verstoßen würde. Eigenen Bedürfnisse werden nicht mehr richtig beachtet und verarbeitet, weil man aus allem Negativen das Positive ziehen MUSS! Jetzt frage ich mich aber, wie man jemandem erklären möge, dass zum Beispiel eine ernsthafte und lebensbedrohliche Erkrankung positiv gewertet werden solle. Oder dass der geplatzte Lebenstraum sich als Blase entpuppt, da man mit falschen Erwartungen und Ressourcen einen Weg beschreitet, der in keinster Weise zur Realität passt.


Letztendlich geht es grundsätzlich um einen gesunden Umgang mit Spiritualität: Spiritualität als Diener in schwierigen Zeiten ist mehr als legitim, manchmal sogar überlebensnotwendig. Spiritualität als Herr Deines Lebens, der mit der Peitsche aus Mantras und Selbsthilfetipps von den Ursachen Deines emotionalen Empfindens ablenken möchte, ist langfristig kein guter Ratgeber. Manchmal muss man einfach nur durch und sich intensiv auch mit negativen Themen auseinandersetzen, und zwar auf emotionaler und direkter Ebene. Ohne Puffer,

direkt als Mensch.

Bevor Du also wieder einen Kurs belegst, einen neuen Selbsthilfeblog anhörst, einem neuen Coaching-Guru huldigst:

Mach Dir mal Gedanken darüber, ob Dich das tatsächlich dahin bringt, wohin Du möchtest.

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