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Statussymbol: Diagnose

Wer kennt noch die Sparkassenwerbung der 90er? Mein Auto, mein Haus, meine Frau. Da wurden Statussymbole verglichen, um die Qualität einer Finanzberatung aufzuzeigen. Heute läuft das anscheinend anders: Ich habe ADHS. Ich habe PTSD. Ich habe Traumata. Die Liste ist beliebig erweiterbar, es gilt als „Ausreißer“, wer nicht mindestens einen Ansatz von Störung oder Neurodivergenz vorzeigen kann. Doch professionelle Diagnosen? Wozu? Instagram, TicToc etc. geben dir Auskunft darüber, warum und wie du bestimmte „Modestörungen“ hast. Und die wirklich Betroffenen bleiben auf der Strecke, weil sie keiner mehr ernst nimmt. Keiner möchte einen Beinbruch, da scheint eine nicht sichtbare Diagnose doch eine adäquate Aufwertung der Persönlichkeit.

Es ist wirklich bemerkenswert, wie sich Menschen heutzutage damit brüsten sich psychisch von anderen abzuheben oder gar unter psychischen Krankheiten zu leiden. Keiner wäre stolz auf eine Diagnose „Raucherlunge“, „Syphilis“ oder ähnliche Krankheiten.  Bei manchen Krankheitsbildern scheint es sich aktuell jedoch anders zu verhalten. An fast jeder Ecke höre ich Menschen über selbst diagnostizierte psychische Abweichungen zu sprechen, die für sie sinnstiftend zu sein scheinen, da sie ohne diese Selbsteinschätzung vor allem eins wären: langweilig. Die Betonung liegt hier wohlgemerkt auf SELBSTDIAGNOSTIZIERT!


Da kommt Maximus-Tupac und klagt über mangelnde Konzentration, innere Unruhe und körperliche Erschöpfung. Da hat er

doch kürzlich etwas bei Facebook gesehen: „Wenn du diese fünf Symptome aufzeigst, dann hast du ADHS!“ Drei von fünf, close enough. Das diese Infos von einem 15-jährigen namens Pzyk$69 kommen, der sich durch ein Was-ist-Was-Buch dazu berufen fühlt seine unerschöpflichen und fundierten Kenntnisse im Internet zu verbreiten, spielt hier anscheinend keine Rolle. Aber die Tatsache, dass seine innere Unruhe auch dadurch verursacht sein könnte, dass er sich vor dem Frühstück schon 8 Dosen Red Bull einverleibt, ist hier nicht relevant. Dass der stundenlange und tägliche Konsum von 30-Sekunden-Videos auf TicToc mitverantwortlich für seine kurze Aufmerksamkeitsspanne sein könnte, steht nicht zur Debatte. Oder gar der aus den beiden resultierende Schlafmangel für seine Müdigkeit ausschlaggebend ist: da ist doch eine Selbstdiagnose über ADHS viel reizvoller und interessanter.

Anderes Beispiel: Jutta-Pocahontas macht einen über TicToc gesponsorten Test: Du bist lustlos? Ja. Du fühlst Dich schlapp? Ja. Dir fällt es schwer durch den Tag zu kommen? Ja. Du bist traurig? Ja. Welche Diagnose wird ermittelt? Depression. Und das tragische daran: dieser Zustand hält nunmehr schon ganze drei Tage an! Ausschlaggebend dafür ist, dass ihre beste Freundin ihr eine Verabredung abgesagt hat, weil sie lieber mit ihrem Crush ins Kino gegangen ist. Jetzt ist der Vergleich in sozialen Medien da, wo alle überglücklich sind, unheimlich vital unglaublich wichtige Dinge mit schier unendlicher Energie tun… Trauer und Langeweile sind anscheinend nicht normal! Eine Woche später, wenn die neue Single ihrer Lieblingsband veröffentlicht wird, wird sie berichten: „Ich hatte letzte Woche eine schwere Depression!“

Ein Trauma wird heute schon dadurch ausgelöst, dass der Lieblingsjoghurt nicht mehr im regulären Supermarkt verfügbar war,

dass man nicht mit seinen gewählten Pronomen angesprochen wurde oder gar, dass jemand eine andere Meinung zu bestimmten Themen vertritt als man selbst. Was sollen dann diejenigen sagen, die ein Erdbeben überlebt haben? Was sollen diejenigen sagen, die ihre Familie durch einen tragischen Unfall verloren haben? Was sollen diejenigen sagen, denen im Kriegsgebiet Granat- und Mauersplitter um die Ohren geflogen sind und sie um ihr Leben fürchten mussten?

Vielfach wird heute meines Erachtens nach Fehlverhalten mit Krankheiten und Symptomen begründet, die schlicht weg daraus resultieren, dass ein sozial schadvolles Skript gerechtfertigt und damit normalisiert wird. Eines sei jedoch angemerkt: die individuelle Freiheit eines einzelnen reicht so weit bis sie die Freiheit eines anderen einschränkt. Das wird dadurch aufzuheben versucht, indem zunehmend sozialunverträgliche Handlungen mit angeblichen psychischen Abweichungen begründet werden sollen. Die Axt im Walde wird geführt vom nicht kontrollierbaren Es, ein Massaker ist unvermeidbar.

Die Mischung aus Selbstdiagnosen, unseriösen Quellen und unzureichenden Informationen bewirkt hier jedoch nur eines: Ignoranz gegenüber einem sozialen Miteinander und keine wirkliche Absicht Resilienz und Ambiguitätstoleranz zu schaffen.


Eine Inflation von selbst gestellten „Diagnosen“ marginalisiert die echten Betroffenen, die nicht mehr ernstgenommen werden

und leiden. Eine fehlgeleitete Rechtfertigung von schädlichen Verhaltensweisen erschwert ein gelungenes Miteinander. Das ständige Trachten nach der Abhebung von der Masse bewirkt Spaltung im Miteinander. Jeder Mensch ist einzigartig. Ohne Frage. Aber deshalb ist und muss er nichts Besonderes sein. Nimmt dieser Gedanke nicht viel Druck heraus ständig extremer werden zu müssen? Sich ständig zu vergleichen? Sich ständig über Maßen profilieren zu müssen?

Verspürt ihr einen Leidensdruck, sucht euch professionelle Hilfe. Dort bekommt ihr Hilfe zur Milderung des Drucks. Aber bitte hört auf mit Dämonen zu spielen, die ihr nicht kontrollieren könnt. Psychische Krankheiten sind keine Kunst, sondern ernsthafte Themen.

Nun aber genug geschrieben.

Danke für's Lesen. Bleibt gesund und friedlich.

 
 
 

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